​Nachlese Straßenmusik in Straubing

Bisher habe ich in Straubing immer den einen oder anderen Bekannten getroffen. Diesmal war das anders. Carsten war mit seinem Käsestand wohl auf einem anderen Markt. Said, der persische Obsthändler hatte Betriebsurlaub. Und auch Helmut, der Wirt ist nicht aufgetaucht. Das mag alles an der Urlaubszeit gelegen haben. Immerhin hat Herr Buchner im Vorübergehen gegrüßt.
Langweilig war es natürlich nicht. Der Platz beim Spielplatz am Fuß des Stadtturms ist einfach sehr günstig, mit den Ruhebänken und Straßencafes rundherum. So bin ich auch mit dem Fotografen ins Gespräch gekommen, der mir diese Fotos geschickt hat.

Nach fast 4 Stunden Musik hatte ich das Bedürfnis nach einer Pause und einer Erfrischung. Als ich mich gerade an einem freien Tisch niedergelassen hatte, setzt sich ein Herr mit Strohhut zu mir. Ernst, der Fotograf, verfolgt meine Ankündigungen und taucht immer wieder mal an einem Ort auf, der für ihn fotografisch interessant ist. In Straubing hatte er sich so dezent im Hintergrund gehalten, dass ich ihn nicht bemerkt habe. 

Nach der unterhaltsamen Pause wollte ich mit frischen Kräften nochmal eine Runde spielen. Mein alter Platz schien mir jetzt nicht mehr so günstig, weil ein Musikerpaar gleich ums Eck vom Turm zu spielen begonnen hatte und ihre Musik sich mit meiner unangenehm überschneiden würde. Ich war ja lange genug auf dem Platz gewesen und wollte es darum an einer anderen Stelle versuchen. Das war zwar auch in Hörweite eines Straßencafes, aber so gelegen, dass viele Leute direkt an mir vorbei eilten. Das ist sehr ungünstig, hatte ich aber zu spät erkannt. 

Nur einen interessierten Zuhörer habe ich an diesem Platz gefunden. Er war für ein paar Tango-Lieder bei mir stehen geblieben. Bei einem kurzen Gespräch stellte sich heraus, dass meine Vermutungen nicht zutrafen. Weder spielt er selblst ein Instrument noch ist er Tango-begeistert. Aber Musik spielt für ihn eine wichtige Rolle. Er ist nämlich Ungar. Früher wurde dort in jeder Kneipe und an jeder Straßenecke ständig musiziert. Es gibt auch einen Geiger, der sowas wie eine nationale Institution ist. Für meinen Zuhörer gibt es zu jeder Stimmung und Seelenlage ein Lied von dem Geiger. Seine Freunde erkennen an der Musik, die er spielt, wie es ihm gerade geht, ob er etwa Kummer wegen einer Frau hat.

Beim Ausklang mit Ernst im Straßencafe saßen kurz die beiden anderen Musiker am Nebentisch und zählten ihre Einnahmen. Der Sprache nach schienen es Italiener zu sein, die Frau hochschwanger, mit leichtem Gepäck auf Straßenmusik-Tour, mit prüfendem Blick, wie weit das Geld reichen wird. Das wirkt auf mich schon wie richtiges Abenteuer. Ich mag es dagegen gern etwas komfortabler und will nicht jeden Euro umdrehen müssen. Und mit so einem werdenden Kind auf Tour wäre mir zu gewagt, da will man doch nichts verkehrt machen. Für mich muss es nicht so viel Abenteuer sein. Da bleibe ich schön in meiner Komfortzone.

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Tango, Latin und Folk auf bayerischen Straßen und Plätzen. Wie kommt das und wo gehts hin?
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