Altmühl Etappe 4

Der Regen, der sich am Vorabend angekündigt hatte, ist übernacht nach Kipfenberg gekommen. Die Wolken hängen tief, keine guten Aussichten, aber sowas kann sich ja schnell ändern.

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Die Frühstücksplätze sind in meiner Pension fest zugeteilt. Ich sitze bei einem Schweizer, der auch alleine unterwegs ist. Als ich ihm von meinen bescheidenen Strecken erzähle, erkennt er sofort, dass ich der Einradfahrer bin, den er in Kinding am Berg hat leiden sehen.

Er ist mit Absicht alleine unterwegs und genießt seine Ruhe. Dafür kommt man alleine leichter mit Fremden in Kontakt. Erst vor wenigen Tagen hat er zufällig Landsleute getroffen. Mag sein, dass das Länderkennzeichen an seinem Fahrrad das Treffen begünstigt hat. Witzig, dass es in Landshut war, vielleicht sogar in meiner Lieblings-Eisdiele.

Er ist wirklich viel unterwegs, jetzt zum Beispiel durch das Allgäu, den ganzen Lauf der Isar entlang, die Donau zur Altmühl, über Tauber und Main bis am Ende zurück nach Schaffhausen. In den letzten 10 Jahren hat er die Mitte Europas in jeder Richtung durchquert und dabei wohl 20.000 Kilometer zurückgelegt. So kann er ganz gut erzählen, welche Strecken empfehlenswert sind.

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Nach dem Frühstück ist der Regen weg und es bleibt noch eine Weile angenehm frisch. Die Einkehr-Möglichkeiten wollen sich lange nicht zeigen. Für den einzigen Biergarten in der Gegend mache ich einen Abstecher von meiner Strecke. Das scheint ein guter Tipp zu sein. Ein schönes altes Wirtshaus mit Tischen auf der Wiese hinter dem Haus. Bis auf einen Tisch ist alles reserviert, da fällt mir die Platzwahl leicht. Die Speisekarte liest sich verlockend, ich lasse mich zu einer hausgeräucherten Forelle verführen und bereue es nicht. Sogar der Beilagensalat schmeckt außergewöhnlich gut. So fühle ich mich für die Durststrecke vom Vormittag entschädigt.

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Auch ein anderer einzelner Gast landet an meinem Tisch. Noch bevor sein Essen serviert wird schreibt er in ein kleines Buch. Als ich das mit meinem Blog vergleiche, äußert er seine Vorbehalte. Er misstraut der Haltbarkeit der elektronischen Medien. Auch will er nicht, dass Unbekannte seine Reiseerinnerungen lesen oder oberflächliche Diskussionen geführt werden. Auch über den Verlust der Handschrift sorgt er sich. Klar beurteilt er das alles aus einiger Distanz. Seine Notizen wird kaum jemand außer ihm zu Gesicht bekommen. Dafür blättert er selber gelegentlich darin, vermutlich öfter als ich meine alten Beiträge anschaue.

Auch dieser Tischgenosse ist Touren-erprobt, sowohl mit dem Rad als auch mit dem Boot. Ungewöhnlich ist die Methode einer kombinierten Boots-Rad-Tour mit wechselnden Etappen. Klar könnte man im Kanu ein Klapprad mitnehmen. Wo bleibt aber das Boot auf der Radl-Etappe? Leichter wird es natürlich, wenn noch das Auto im Spiel ist. In einer Gruppe mit 2 Autos kann man ein Auto ans Etappenziel stellen und Abends das andere Auto vom Etappenstart abholen. Nun ist mein Tischgenosse allein unterwegs, wenn auch unfreiwillig, weil seine Begleitung ihn im Stich gelassen hat. So fährt er öffentlich zurück, um sein Auto zu holen. Dann bleibt noch die Frage, wie das Boot auf’s Auto kommt. Dazu hat er eine Staffelei im Auto, die den zweiten Mann ersetzt. Das klingt schon nach einem spannenden Manöver.

Am Nachmittag nehme ich Eichstätt, das Ziel meiner Tour ins Visier. Eine kleine Rast mit Erfrischung würde mir gefallen, aber wegen der ohnehin langen Strecke kann ich nicht mehr so weit von meinem Weg abweichen. Allein, die Hoffnung auf ein Café oder ähnliches am Weg erfüllt sich nicht, auch als die Stadtgrenze von Eichstätt erreicht ist. Das ausgedehnte Gewerbegebiet ist am Sonntag wie ausgestorben. An der Schnellstraße tut sich auch nichts und mir ist schon leicht schwummrig als sich endlich eine Tankstelle zeigt. So bin ich gerettet und erreiche sicher mein Ziel. Auf dem weg zum Domplatz kann man die Theologiestudenten deutlich erkennen, was für eine merkwürdig fremde Welt.

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Nach einer letzten Erfrischung und in trockenen Klamotten geht es in nur 3 Stunden zurück zum Startpunkt der Tour, wo mein Auto wartet. Auf der Zugfahrt bleibt die Schönheit der Natur und die Ruhe der letzten Tage zurück und ich bin mit der unausweichlichen Nahe seltsamer Gestalten konfrontiert, deutlich Verhaltensauffällige Jugendliche und peinliche Radau-Rentner, die den Wagon mit fremdenfeindlichen Dummheiten belästigen und am Ende noch Zustimmung erhalten. So will man seine Mitmenschen nicht kennenlernen.

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Tango, Latin und Folk auf bayerischen Straßen und Plätzen. Wie kommt das und wo gehts hin?
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Eine Antwort zu Altmühl Etappe 4

  1. midihideaways schreibt:

    Was für eine wunderschöne Tour!! Danke, daß Du mich mitgenommen hast!

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