Straßenmusik in Bamberg

Jetzt wird es Zeit, die Erlebnisse aus Bamberg aufzuschreiben, bevor alles verblasst.

Wegen schlechter Wetterprognose hatte ich schon Zweifel, ob Bamberg eine gute Idee ist. Dass der Genehmigungsprozess merkwürdig ist, wusste ich schon. Man muss die Genehmigung persönlich beim  Stadtmarketing beantragen. Erteilt wird sie dann vom Ordnungsamt, aber wieder vom Stadtmarketing ausgehändigt. Der Sinn dieser Prozedur erschließt sich mir nicht. Das könnte aber mit einem prominenten Fall zusammen hängen, wo ein Straßenmusiker zu mehr als 1000 € Strafe verurteilt wurde, aber die Stadt moralischer Verlierer war.

Für die angekündigte Wartezeit von einer Stunde hatte ich mir eine Stadtrundfahrt mit dem Einrad vorgenommen. Zu gegebener Zeit zeige ich hier ein Video. Toll fand ich die obere Brücke (schon eine Herausforderung mit dem Einrad) und den Rosengarten mit seinem Blick über die Altstadt. Was Besonderes ist die Domhütte, wo man spürt, dass so ein Bau ein Ewigkeitswerk ist, das von einer Hand zur nächsten weitergegeben wird.

Nach der vereinbarten Stunde war die Genehmigung noch nicht fertig. Krankheitsfall im Ordungsamt, wird aber sicher noch vor 12:00 fertig, man ruft mich an. Ich entschließe mich, meine Musikausrüstung aus dem entfernt geparkten Auto zu holen. Auf dem Rückweg in die Innenstadt spricht mich ein älterer Herr an wegen meiner Ausrüstung. Ihm geht es aber nicht wie so oft um meinen Street-Verstärker, sondern um meinen Wagen. Er sucht etwas für den Transport seines Akkordeons. Von der Logistik führt das Gespräch zu den Instrumenten und zur Liebe zur Musik.

Die Genehmigung lässt weiter auf sich warten, trotzdem entschließe ich mich, schon mal anzufangen, sonst vergeht noch der ganze Tag. Zuerst muss ich mich mit 4 Bulgaren arrangieren, die akustisch recht viel Raum brauchen. Der Platz am anderen Ende vom „Grünen Markt“ scheint mir dann nicht schlecht. Es gibt einen Brunnen und Cafes.

Als ich in Fahrt komme und gerade erste Fans gewinne, klingelt das Telefon, die Genehmigung ist fertig. Damit ich schnell wieder zurück bin, bitte ich das Paar im Cafe, kurz auf meine Sachen aufzupassen. Als ich nach 10 Min zurück bin, sehe ich die beiden erleichtert über meine Rückkehr. Vor einigen Wochen war die Frau „Opfer“ einer versteckten Kamera und dachte, ich würde wieder einen derben Spaß mit ihnen treiben. Normal denkt man sich ja nichts böses bei einer harmlosen Bitte.

Kurz nach meiner Rückkehr wollte eine Polizeistreife meine Genehmigung sehen – hat sich also gelohnt, sie gleich zu holen. Sie waren wegen einer Beschwerde unterwegs. Nach ihren Andeutungen könnten das die Bulgaren gewesen sein.

Nach der Mittagszeit begann in meinem Revier ordentlicher Baulärm, also: Umzug. An der nächsten Station war der Empfang unfreundlich. Ein Verkäufer hatte Angst, seine Kunden nicht richtig zu verstehen. Hier hatte ich auch die Bulgaren zuletzt gehört, nicht schlecht, aber eben etwas laut.

Weil ich keinen Streit will, suche ich dann halt was anderes und werden zur Oberen Brücke geschickt. Für mich ist es das eigentliche Schmuckstück in Bamberg, der Eingang zum historischen Bereich am Fuß des Dombergs. Hier kommen alle vorbei und viele genehmigen sich ein Eis oder einen Kaffee. Meine Pensionswirtin nennt das „klein Venedig“.

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Ich sehe gleich zu Beginn, dass meine Musik hier gut ankommt. Ein Mann kommt nach wenigen Takten mit einer Spende zu mir. Seine Frau Frau grinst bei jedem neuen Stück über beide Ohren. Ich glaube, ich habe es richtig erwischt.

Ich sitze direkt vor dem Mohren-Haus, einem wunderbaren Laden für Tee und Wohn-Accessoires in einem historischen Gebäude. Die Verkäuferinnen machen Tür und Fenster auf und lächeln freundlich herüber. Die Musik scheint ihnen zu gefallen. Wie sich später herausstellen sollte, sogar ziemlich gut – aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes mal erzählt werden soll.

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Eine der vielen Gruppen, die vorbei schleudern, sind Männer, die sich als Brasilianer zu erkennen geben. Nach dem Äußeren hätte ich sie in Mitteleuropa eingeordnet. Sie wollen Bossa Nova hören,  ich wage „One Note Samba“ auf Brasilianisch. Das ist der mit dem vielen Text. Die Burschen sind zufrieden und meinen, man hätte schon jedes Wort verstanden.

Auf dem Rückweg komme ich bei dem Brunnen vorbei, wo mich Mittags die Polizei kontrolliert hatte. Ich frage zwei Marktfrauen, ob ihnen vielleicht meine Musik zu laut war – nein, garnicht. Aber eine beschwert sich, dass ich einfach ans Telefon ging, als sie gerade meinen Gesang erwartet hatte. Ich entschuldige mich, aber die Genehmigung ist hier in Bamberg eben eine ernste Sache.

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Über 100canciones

Tango, Latin und Folk auf bayerischen Straßen und Plätzen. Wie kommt das und wo gehts hin?
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15 Antworten zu Straßenmusik in Bamberg

  1. Arabella schreibt:

    Eine fein erzählte Geschichte. ..

  2. mickzwo schreibt:

    Da kommen schöne Erinnerungen auf. Bamberg liegt etwas von unserer üblichen Route entfernt. Zu einem Abstecher hatte es irgendwie nie gereicht. Als es dann doch geklappt hat, waren wir schlichtweg begeistert.
    Deine Geschichte zu Bamberg gefällt mir. (Besonders die Stelle, wo die Marktfrau sich über das Telefonat beschwert) … was man so alles erleben kann 🙂

  3. Lisa Schmechel schreibt:

    Man hat es schon nicht leicht 😀 Aber dafür hat man mehr zu erzählen 🙂

  4. gerhard schreibt:

    Schöne Geschichte. Bamberg ist wirklich eine tolle Stadt (gut, die Nummer mit der Genehmigung ist, nun ja, suboptimal…;-))). Ich hoffe, Du hast Dir die örtlichen Brauerein auch etwas genauer angeschaut ;-))) Viele Grüße + ein schönes Wochenende,
    Gerhard
    p.s.: kommst Du eigentlich mal nach Minga? Oder siehst Du hier die Straßenmusiker-Szene schon zu sehr in bulgarischer Hand?

    • 100canciones schreibt:

      Zum Brauereibesuch hatte ich zu wenig Zeit und Energie. Auch auf Bratwürscht musste ich verzichten, um den Magen zu schonen. Ich muss also unbedingt nochmal hin.

      Musizieren in München ist eine eigene Sache. Da liegt die Latte schon recht hoch. Dafür muss ich noch ordentlich Anlauf nehmen. 😉

  5. solera1847 schreibt:

    Warum auch immer die Stadt es den Musikern so schwer macht. Man könnte glatt auf den Gedanken kommen, sie wollen keine Musik hören.

    • 100canciones schreibt:

      Am Ende war ja alles gut. Wichtig ist, die richtigen Menschen zu finden, denen die Musik gefällt.

    • Moritz Rabe schreibt:

      Bamberg tut sich mit Kunst und Kultur, wo sie nicht selber mit dran verdienen, ziemlich schwer. Auch E.T.A. Hoffmann der hier 5 Jahre lebte und den diese Bamberger Verwaltungsnasen heute sehr schätzen, nannte die (Leidens)jahre in dieser Stadt „die böseste Zeit aller bösen Zeiten“.
      Ich bin der besagte Musiker, der es im Winter 2013 auf sage und schreibe 10.000,-Euro Bußgelder gebracht hat, weil ich es nicht einsah für meine Darbietungen Geld zu zahlen (monatlich 160,- Euro). Haftandrohungen, Verfolgungen durch Polizei und kiloweise Drangsalierung an Papierkram (Verwarnungen, Bußgeldbescheide, polizeiliche Vorladungen, Gerichtspost …) kamen dazu. Diese Stadt ist das Kulturloseste, was mir in meinem Leben als Musiker passiert ist!
      Ich bin dabei, einen Neuanfang in einer entfernten Stadt zu wagen. Eine Aufnahme zu dieser Verwaltungsstadt ist in Planung: „Bamberger Gschichtla“. Das wird die Faust aufs Auge dieser Kulturlosigkeit!
      Wo man singt, da laß Dich nieder.. Beste Grüße, Moritz Rabe..

  6. nixe schreibt:

    Was für ein Prozedere….aber du wurdest ja reichlich entschädigt, wie schön.
    Grüßle

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