Das Geschenk der Stille

Bei der Geburtstagsfeier am Wochenende war schon auf der Einladung ein DJ aus dem Freundeskreis angekündigt. Das sollte wohl heißen, für musikalische Unterhaltung sei gesorgt.

Schon bei Ankunft der Gäste lief die Musik und war meines Erachtens da schon zu laut. Disko-Oldies mit zu viel Bässen schon zu Kaffee und Kuchen.
Den Gedanken, den DJ um weniger Lautstärke zu bitten, verwarf ich, weil ich vielleicht als Nörgler erscheinen würde. In einem unbeobachteten Augenblick drehte ich die Musik ein Stück leiser. Der DJ musste den Unterschied bemerkt haben und drehte wieder auf. Da musste ich ihn doch ansprechen und um Rücksicht bitten. Er kündigte an, jetzt noch leiser zu drehen, aber später wieder mehr Gas zu geben. Jetzt wäre eh noch ruhige Musik gelaufen, das werde sich am Abend aber ändern, wenn getanzt werden soll. Mir schien das eine Drohung zu sein. Seine Freundin schlug auch vor, wir sollten uns vielleicht andere Plätze suchen, wenn wir es nicht so laut mögen.

Außer mir gab es wohl noch mehr Nörgler. Eine Weile lief etwas ruhigere Musik und man konnte sich angenehm unterhalten. An der Theke wollte ich den DJ dafür loben und auf Versöhnung machen. Das muss er mir als Schwäche ausgelegt haben. Jedenfalls zogen Lautstärke und Beats gleich wieder deutlich an. An Unserem Tisch machte sich Resignation breit.

Die Liebe des DJ zur Musik kann man auch daran erkennen, dass er, wenn jemand über seine Anlage eine Durchsage machte, die Musik nur leise drehte, aber nicht ganz abschaltete. Vielleicht lag das an seinem Stolz auf die Anlage. Jeder sollte sehen, dass er über einen Mixer verfügt und darum Mikro und Musik gleichzeitig laufen lassen kann. Vielleicht lag es aber auch an seiner Disko-Sozialisation. Hatte
er Angst, wenn die Musik aus wäre, würden die Leute umfallen wie Marionetten, bei denen man die Schnüre durchschneidet?

Während des Essens muss dann eine höhere Macht Nachsicht mit uns bekommen haben. Vielleicht hat auch der DJ mit seiner Anlage selber dazu beigetragen. Kurzum, es gab einen Stromausfall mit erholsamer Stille. Ich schwöre, ich hatte damit nichts zu tun.

Schnell dämmerte mir, dass jetzt
meine Chance gekommen war. Es war eine weise Entscheidung gewesen, den großen Street-Verstärker mitzunehmen. So konnte ich trotz Stromausfall musizieren. Wer weiß, ob der DJ sonst seine Musik ausgeschaltet hätte, nur weil ich ein Ständchen bringen wollte.

Mit meinem Freund und Band- Kollegen an der Melodika spielten wir ca. 10 Stücke, darunter auch das beauftragte Marina, aber halt in Tango-Fassung. Das war sicher der Teil des Abends, der mir am meisten Spaß machte.

Während der Live-Musik war der Strom wieder angegangen. So konnte der DJ nach uns zielstrebig die angedrohte Tanz-Lautstärke ansteuern. Seine Auswahl schien aber die Tänzer nicht recht zu animieren. Etwas besser wurde es mit einem Schwenk zur Neuen Deutschen Welle. Tanzen wollten dann auch nur eine Handvoll Leute.
Die meisten Gäste waren da schon gegangen. Ich sag mal: in die Flucht geschlagen.

Die Musik sollte wohl die Jugend der Gäste wieder aufleben lassen. Ich konnte damit nichts anfangen, weil es mich da früher schon nicht hingezogen hat. Mir scheint, dass insgesamt die Musik an diesem Abend nicht so aufgenommen wurde, wie der DJ sich das wünschte. Ich jedenfall nehme ihm seine Musik persönlich übel. Er hat keinerlei Gefühl für die Stimmung der Gäste gezeigt. Der wollte einfach sein Ding durchziehen, nach dem Motto: wenn die Leute nicht tanzen, dann ist einfach die Musik zu leise.

Mein Fazit: künftig werde ich Einladungen aufmerksamer lesen. Wenn ein DJ angekündigt wird, werde ich lieber gleich nachfragen, als mich dann einen ganzen Abend zu ärgern.

Und noch eine Erkenntnis: ein wesentlicher Vorzug meiner Musik ist, dass sie nicht stört.

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Über 100canciones

Tango, Latin und Folk auf bayerischen Straßen und Plätzen. Wie kommt das und wo gehts hin?
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8 Antworten zu Das Geschenk der Stille

  1. Traudi schreibt:

    Ja, das sehe ich auch so: Zu laute Musik stört mich bei solchen Familienfeiern auch. Habe ich auch schon erlebt, ich war kurz vor dem Ausrasten. Man freut sich auf das Wiedersehen von Leuten, die man schon lange nicht mehr gesehen hat. Man hätte sich viel zu erzählen – wenn nur die laute Musik nicht wäre.
    Es ist nicht so, dass ich laute Musik nicht mag, aber alles zu seiner Zeit.

    Ich wünsche dir einen schönen Tag!
    Viele Grüße
    Traudi

    • 100canciones schreibt:

      Ein typischer Konflikt. Durch das Schreiben des Artikels und duchgehendes Schimpfen auf der Heimfahrt hat mein Ärger schon nachgelassen.

      Bei der letzten Feier, wo ich musizieren sollte, hatte der Gastgeber Sorge, ob sich seine Gäste was zu sagen hätten. In den 3 Stunden, die ich gespielt habe, war es nur einmal ruhig, als der Hauptgang serviert wurde. Die Leute haben sich prima unterhalten. So soll das sein. Musik ist da Nebensache.

  2. regenbogenlichter schreibt:

    Also wenn das so laut ist, finde ich das auch nicht gut. Vielleicht am späteren Abend, wenn viele nur noch tanzen wollen.
    Und manche DJ´s scheinen viel mehr Spaß zu haben, als ihre Gäste, die sie eigentlich unterhalten sollten.

  3. Max schreibt:

    Schöne Beobachtung des Selbstverständnisses vieler DJs.

    • 100canciones schreibt:

      Schöne Beobachtung, aber kein schönes Erlebnis. Du scheinst das ja zu kennen.

      • Max schreibt:

        Ja, mir auch schon des öfteren so oder so ähnlich passiert. Irgendwie erstaunlich, da auf-das-Publikum-eingehen ja eigentlich ziemlich der zentralste Teil des DJ-seins ist. Ansonsten tuts iTunes auch 😉

  4. BOWMORE Darkest schreibt:

    Das ist das alte Problem der stromgemachten Lautstärke. Es ist fast generell unmöglich, sich im Saal einer Tanzmusik angenehm zu unterhalten. Oft bleibt nur der Rückzug an die Bar nebenan.
    Es ist die Aufgabe des Bandleaders und des Platten auflegenden DJ das Publikum zu beobachten und die richtigen Schlüsse für den erfolgreichen Fortgang des Abends zu ziehen.
    Wer das fertigbringt, ist ein Guter.

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