Lampenfieber – Irrationale Ängste

Angeblich geht die Aufregung vor einem Auftritt nie ganz weg. Bei Straßenmusik und Hintergrundbeschallung von Gesellschaften denke ich mir eigentlich nichts mehr. Nur wenn der Kopf leer und die Finger träge werden, werde ich unsicher und ziehe mich lieber auf einfache Lieder zurück. Erst kurz vor Weihnachten hatte ich ein Engagement mit vielen Gästen und massiver Geräuschkulisse. Mir war der ganze Auftritt so angenehm, dass ich sowas gerne jede Woche machen möchte. Es waren viele Bekannte unter den Gästen. Alle waren freundlich zu mir. Das schönste war ein Mann aus Südamerika, der nach einer kleinen Unterhaltung zwei Jobim-Stücke mitgesungen hat. Das hat mir doch sehr geschmeichelt. Stolz bin ich auch, dass ich mich durch wichtige lokale Musikfunktionäre unter den Gästen nicht aus der Ruhe habe bringen lassen.

Ich kann mich aber noch gut an Gelegenheiten erinnern, wo es ganz anders war. Zum Beispiel meinen ersten Feuerauftritt. Damals hatte ich erst ein Jahr zuvor angefangen, mit Feuer rumzufuchteln. Als mir bei der Probe klar wurde, dass fast alle außer mir quasi Profis waren und im Publikum 500 Gäste saßen, hätte ich mir gern ein Loch im Boden gesucht. Zudem war ich als Schlussnummer gesetzt und als einziger in der Zeitung angekündigt. Wie durch ein Wunder habe ich den Auftritt überlebt.

Warum eigentlich ist man so aufgeregt und hat solche Angst, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen? Meines Wissens wurde bei solchen Gelegenheiten schon lange niemand mehr gesteinigt. Vermutlich hat man Angst, ausgelacht zu werden. Das tut eigentlich nicht weh, aber es steht für sozialen Abstieg. Wer ausgelacht wird, ist auf dem Weg zum Omega-Status. Das ist eine Erfahrung, die älter ist als die menschliche Sprache. Tatsächlich wird niemand lachen. Die meisten Leute im Publikum respektieren die gezeigte Leistung, auch wenn jeder schon mal was Tolleres gesehen hat. Die anderen würdigen den Mut und die Absicht, das Publikum zu unterhalten. Leider kann sich diese Logik kein Gehör verschaffen, wenn die Stresshormone erst mal zirkulieren.

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Tango, Latin und Folk auf bayerischen Straßen und Plätzen. Wie kommt das und wo gehts hin?
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7 Antworten zu Lampenfieber – Irrationale Ängste

  1. Marion schreibt:

    Danke am Teilhabenlassen einer Innenansicht von Auftritten in der Öffentlichkeit. Das ist so gut verständlich. Auch wenn die Ängste, die uns manchmal packen, oft nicht logisch zu greifen sind – du hast interessante Gedanken gebracht, womit es (auch) zusammenhängen kann.

    Für mich gibt es auch immer noch Situationen, die mir richtig Angst machen. Aber inzwischen weiß ich, dass mitten hindurchgehen das beste ist. Danach fühle ich mich meist umso besser. Wenn ich nämlich erfahren habe, dass das, was ich diffus befürchtete, überhaupt nicht eingetreten ist, sondern manchmal sogar noch positive Rückmeldungen kommen, wie du sie auch beschreibst.

  2. Jeannette schreibt:

    genau, das ist dann das Schönste! Und macht wieder Mut.

  3. Kann ich gut verstehen – du lieber Himmel, wenn ich mir vorstelle, auf einer Bühne zu sitzen….ich bin ja schon nervös, weil ich jetzt einen Blog angefangen habe, und mich frage, ob das wohl jemandem gefällt oder ob er in der Luft zerrissen wird. Das ist auch so eine Angst. Irrational oder nicht… es gab schon Leute, die auf der Bühne ausgebuht wurden oder deren literarisches Werk von Kritikern niedergemacht wurde. Und die Möglichkeit ist in unserem Gehirn gespeichert. Etwas zu produzieren und in der Öffentlichkeit zu zeigen, hat ja auch etwas von Exhibitionismus. Und ich meine nicht den im Park. (Ob solche Leute nervös sind, wenn sie den Mantel aufmachen? Hm, kommt wahrscheinlich auf die Größe an…. ) Jedenfalls zeigt man eine Verlängerung seines Ichs, man identifiziert sich damit und wenn das abgelehnt wird, kommt es einem vor wie die eigene Vernichtung. Was natürlich nicht der Fall ist und sollte das passieren, erholt man sich auch wieder davon. Weil man irgendwann kapiert, dass es wichtiger ist, dabei zu bleiben, und das zu tun, was einem am Herzen liegt, auch wenn es manche oder gar viele nicht wertschätzen können. Dass man das im ersten Moment und erst recht vor dem großen Moment nicht realisiert, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass der Mensch ein Herdentier ist, und anerkannt sein will von der Herde, in der er lebt. Ein ziemlich menschliches Gefühl, würde ich sagen. Aber es ist gut, auch mal ein schwarzes Schaf zu sein, das alleine vor sich hin blökt. – Ich danke dir trotzdem für mein erstes „Gefällt mir“ zu einem meiner Artikel. 😉

    • 100canciones schreibt:

      Vielen Dank für deine Anteilnahme. Durch reichlich Üben, sowohl die Kunst als auch die Konfrontation mit dem Publikum wird es besser. Auch beim Bloggen wird man übrigens nicht aufgefressen. Ich wünsche dir viel Spaß mit deinem Blog. Der ist ja praktisch nagelneu. Du wirst sicher viele Leser finden.

      Ciao, Thomas

  4. BOWMORE Darkest schreibt:

    Lampenfieber vor einem Auftritt schadet in keinster Weise. Ich halte es sogar für wichtig. Es setzt den Körper unter Spannung, der Geist ist auf die ersten Momente des Auftritts fixiert. Es kann nun nichts mehr schief gehen. Der Anfang des Auftritts vor dem Publikum gelingt. Mit Sicherheit.

    Ohne Lampenfieber muss der Künstler sein Repertoire routiniert herunterspielen oder er ist nicht konzentriert und es passieren Fehler. Das Publikum erkennt die Routine und reagiert eventuell ebenso routiniert gleichgültig.
    C.H.

  5. schreibschaukel schreibt:

    Ich erinnere mich an ein Konzert von Angelo Branduardi, wo er mittendrin den Text vergass.
    Das Publikum war gerührt und begeistert und liebte ihn um so mehr.
    Aber was hilft einem das Wissen darum… ich hab‘ ja schon Lampenfieber wenn ich Schulbesuch kriege. 😦

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