Wann kommt Straßenmusik an?

Meine Musik ist immer die Gleiche. Aber sie findet nicht immer die gleiche Resonanz. Manche Menschen bleiben stehen und hören zu. Manche erzählen, warum ihnen die Musik gefällt, erzählen vielleicht eine Geschichte von sich. Andere lauschen aus der Entfernung oder lächeln im Vorübergehen. Andere eilen vorbei und zeigen keine Reaktion. Wenn ich öfter in der gleichen Stadt spiele, sehe ich, das sind dieselben Menschen. Woher kommt dann der Unterschied?

Es hängt mit der Erwartungshaltung zusammen. Die Menschen brauchen Muße, um Musik zu genießen. Wer eilig auf dem Weg zur Arbeit, zu seinen Einkäufen oder seinem Besichtigungs-Programm ist, hat keine Zeit, sich auf die Musik einzulassen. Das hängt auch am Platz, der als Weg oder als Ruhezone aufgefasst werden kann. Da machen oft schon wenige Meter einen Unterschied.

Erwartungshaltung heißt auch, ob man die Musik als Selbstverständlichkeit oder etwas Besonderes auffasst. Das hängt weniger an der Qualität der Musik, sondern mehr an den Vorstellungen über den Ort.

Zur Qualität gibt es das berühmte Experiment der Washington Post. In der U-Bahn spielt ein Top-Geiger, für den man sonst 100 Dollar Eintritt zahlt. In seinen Kasten bekommt er nicht mehr Geld als jeder andere Straßenmusiker. In einer U-Bahn-Station spielt ja immer wer. Das ist doch nichts Besonderes.

Damit ist es eine Frage der Identifikation der Menschen mit dem Platz. Man kennt den Platz und weiß, ob hier musiziert wird und vielleicht auch, wer das immer macht. Und man bezieht die Musik auf sich. „Das ist mein Platz und diese Musik ist für mich.“ Das sind aus meiner Sicht die besten Voraussetzungen, damit Straßenmusik ankommt.

Über 100canciones

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3 Antworten zu Wann kommt Straßenmusik an?

  1. davidwonschewski schreibt:

    Vollkommen richtig. Es gab auch schon Pop-Stars, die sich auf dieses Experiment eingelassen haben und – leicht verkleidet – auf der Straße klimperten und zupften. Um mehrheitlich links liegen gelassen zu werden von den Leuten.
    Es ist vermutlich das alte Phänomen, dass in ganz vielen Bereichen zum tragen kommt: Was nichts kostet, ist nichts wert! Wie wahr oder unwahr dieser Spruch auch sein mag, er bewahrheitet sich immer wieder. Mir fällt eine Versuchreihe ein, da hat ein Akademiker sein altes, sehr lädiertes Schlagzeug für vollkommen gerechtfertigte 150 Dollars ins Netz gestellt. Gesagt was alles kaputt ist und warum der Preis so gering. Wollte keiner haben. Dann hat er einfach ein paar Makel weggelassen und 1200 Dollar draus gemacht. Einen Tag später war es verkauft, Beschwerden kamen nie.
    Sehr aussagekräftig.

  2. Rosalie schreibt:

    Interessante Gedanken! Dass der Top-Geiger in der U-Bahn nicht mehr Resonanz ausgelöst hat, erstaunt mich! Ich persönlich bleibe eher stehen und nehme mir ein paar Minuten Zeit für Strassenmusik, wenn die Qualität sich vom Durchschnitt abhebt bzw. wenn die Musik berührt, und das tut sie in der Regel dann, wenn der Musiker begabt ist und sein Instrument besonders gut beherrscht oder wenn er eine schöne Stimme hat. Dann bleibe ich kurz stehen, auch wenn ich in Eile bin.

    Ein sehr schöner Blog. Kompliment!
    Gut geschrieben, schöne Bilder und natürlich schöne Musik! 🙂

    LG aus der Schweiz
    Rosalie

  3. JoP schreibt:

    Als Musiker und zeitweise Straßenmusiker kenne ich eine Unberechenbarkeit der Straße gut und spiele deswegen momentan nicht dort.
    Ein Kollege, mit dem ich vor einiger Zeit darüber sprach, liebt genau diesen „X-Faktor“ an der Straße – dass eben kein Tag wie der andere ist und man als Musiker nie 100% weiß, was kommt.
    Erwartungshaltung ist es meiner Erfahrung nach nicht nur beim Publikum, die mit eine Rolle spielt, wer stehen bleibt und wer nicht, sondern sie spielt auch beim Künstler eine Rolle. Man kommt als Straßenmusiker nicht drum herum, die eigene Erwartungshaltung abzubauen bzw. herunterzuschrauben, wenn man nicht ständig enttäuscht werden möchte von vorübergehenden Menschen, die man gerne als Publikum hätte.
    Auch das Einkommen ist völlig unregelmäßig und unberechenbar – ein schlechter Tag kann den erwarteten Verdienst dezimieren. Und wovon hängt die Güte des Einkommens nicht alles ab … eigene Stimmung, Stimmung in der Stadt, Wetter, Akkustik (Platz).
    Vielleicht bleibt Straßenmusik gerade wegen dieser Unwägbarkeiten ein Faszinosum – denn die Momente, in denen Fremde dann stehen bleiben und lauschen, man womöglich noch neue Kontakte knüpft; die Sessions, die spontan entstehen können, wenn andere Musiker vorbeikommen – das sind einzigartige Highlights, die ich nicht missen will.

    In diesen Tagen geht´s für mich wahrscheinlich mal mit einem kleinen Chor auf die Straße – Gitarre spielen lasse ich im Winter im Warmen zu Hause sein.

    Aber zurück zur Frage, wann Straßenmusik ankommt … das kommt ganz auf den Paketservice an. Wie bringe ich meine Musik ´rüber – ist finde ich auch viel ein kommunikativer Faktor, der Straßenmusik kreativ, ansprechend und lukrativ machen kann.
    Nur der scheint mir eher schwer erlernbar. Ich persönlich bleibe auch eher stehen, wenn ich Stücke gerne mag oder den Ausdruck in der Musik – wenn es origineller Sound ist, ein ungewöhnliches Arrangement oder ein Text, der mich anspricht.

    Der Punkt, den Du ansprichst leuchtet mir sehr ein – wobei ich selber hier in Köln bislang wenige Cafés kenne, von wo aus ich regelmäßig Straßenmusiker höre (ich kenne aber auch sowieso wenig Cafés).

    Wünsche auf jeden Fall viel Spaß beim Straßenmusizieren !
    Vielleicht sind wir ja mal in der gleichen Stadt irgendwann und spielen ´was zusammen !

    viele Grüße aus Köln,
    Johannes

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